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Die US-Gründung als aitiologisches Rätsel

Eva Marlene Hausteiner

06.12.2024

John Trumbull, Declaration of Independence (1819), Unites States Capitol, CC0

John Trumbull, Declaration of Independence (1819), Unites States Capitol, CC0

In Selbst- und Fremdbeschreibungen werden die USA seit ihrer Gründung immer wieder als exzeptionell dargestellt – als Erschließung einer „neuen Welt“, als antiimperiale Befreiung von Großbritannien, als „Erfindung“ des modernen Föderalismus. Der exzeptionalistische Mythos der von Gott auserwählten „city on a hill“ (so der Puritaner John Winthrop in Anlehnung an die Bergpredigt) ist der nordamerikanischen Ideengeschichte seit der Siedlungsphase im 17. Jahrhundert eingeschrieben. Mit dem Krieg gegen Großbritannien und der sich zum 250. Mal jährenden Unabhängigkeitserklärung wurde dieser politische Exzeptionalismus revolutionär aufgeladen: gegen ein unterdrückerisches Empire und seinen tyrannischen König.  Die in der Folge geschaffene Verfassung gilt vielen bis heute als Geniestreich der Verbindung von Repräsentationsprinzip, checks and balances und Föderalismus. Eine politische Norm prangt über all diesen Zuschreibungen, nämlich die der Freiheit: Das „land of the free“ lebe von Institutionen, die die Freiheit des Individuums, die „life, liberty, and the pursuit of happiness“ ermöglichen, und es wurde geschaffen durch eine freiheitsorientierte Revolution gegen die imperialen Feinde der – ja, genau – Freiheit.  

Ob die US-amerikanische Ordnung und insbesondere ein als anti-kolonial stilisierter Föderalismus diesen verwegenen (Selbst-)Zuschreibungen und Erwartungen auch nur ansatzweise genügt, ist natürlich höchst umstritten. Aus ideengeschichtlicher und politiktheoretischer Perspektive interessanter ist die Frage, ob entsprechende normverletzende Tendenzen dem US-Projekt von Anfang an gewissermaßen „einprogrammiert“ waren oder ob es sich um spätere Pfadabweichungen handelt. Was ist dran am Lob des Geistes der US-amerikanischen Revolution und Unabhängigkeit, wie ihn etwa Hannah Arendt beschworen hat?  

Dem Anfangsversprechen auf der Spur?  

Entgegen solchen Positionen, die das US-amerikanische Gemeinwesen etwa durch die Verstrickung mit der Sklaverei als von vorneherein machthierarchisch kompromittiert sehen, sind in der US-Politik weiterhin viele der Auffassung, dass dem Anfang ein weiter einlösbares Versprechen innewohnte: „The arc of the moral universe is long, but it bends towards justice“. Dieses u.a. von Barack Obama wieder aufgenommene Bild Martin Luther Kings impliziert, dass der Anfang der USA einen normativen Gehalt in sich trägt, der gegen alle Widrigkeiten zur vollen Einlösung gebracht werden muss.  Dieser Hoffnung ist die Idee des freiheitlichen, gerechten Nucleus der Nation eingeschrieben. So schreibt King in seiner Rede „Remaining Awake Through a Great  Revolution“ (1963): „We will win our freedom because both the sacred heritage of our nation and the eternal will of God are embodied in our echoing demands.“ Hier findet sich die Idee eines normativen „Erbes“: Dem Anfang der Nation, als Anfang des Bogens („arc of justice“), ist der Drang nach Freiheit eingeschrieben. Aus dieser Analyse folgt dann eine besonders große Hoffnung auf einen Goldschatz am Ende des (Regen-)Bogens: War der Anfang gut, so kann das Ende zu ihm zurückkehren. 

Wie aber lässt sich dieser Anfang der USA politiktheoretisch auch nur annäherungsweise einordnen? Oder, anlässlich des Jahrestages der Declaration of Independence, etwas enger auf die Frage der Unabhängigkeit und Revolution bezogen: Wie anti-kolonial war die Unabhängigkeit? 

Zwei Antworten stehen sich gegenüber: Eine sehr traditionelle ideengeschichtliche Antwortvariante würde sich auf die freiheitsliebenden Verlautbarungen der Unabhängigkeitskämpfer und Federalist-Autoren berufen und kurzweg schließen, dass antiimperiale Freiheitsliebe eine zentrale Signatur der Gründungsphase war. Eine sorgfältigere ideenhistorische Analyse kann dagegen diese Deklarationen kontextualisieren und zu dem Ergebnis kommen, dass sich das US-Projekt von Anfang an auf andere imperiale oder großbündische Vorbilder berufen hat, also in imperial-ideologischer Hinsicht zwei Gesichter. Bereits an den intellektuellen und institutionellen Anleihen der Founding Fathers  zeigt sich: Der Wille zum Widerstand gegen die eigene koloniale Abhängigkeit von der britischen Krone ging nie mit einer lupenreinen Opposition gegen Imperialismus oder Kolonialität insgesamt einher.  

Vorschlag für eine realistische Rekonstruktion  

Zu diesem Befund – aber ohne übermäßigen Fokus auf die Revolutions- und Gründungsakteure als Einzelpersonen – kann aber auch eine andere methodische Perspektive beitragen, die den Anfang unter Berücksichtigung der weiteren Entwicklung US-amerikanischer Praktiken zu verstehen versucht und somit die Blickrichtung umkehrt. Das Ziel dieser Perspektive besteht darin, Unterdrückungspraktiken und expansiv-imperiale Bestrebungen der weiteren US-Geschichte besser zu verstehen, indem gefragt wird, ob das entsprechende Potential nicht von Anfang an programmatisch im US-amerikanischen Projekt mit-angelegt war.   

Solcherlei ideengeschichtliche Kontinuitätsbehauptungen sind natürlich problembehaftet, denn selbstverständlich kann ein politisches Befreiungsprojekt zu Beginn hehren Ideen folgen und diese sukzessive verraten. Auch sollte man – darauf hat der Cambridger Ideenhistoriker Quentin Skinner hingewiesen – auf politische Debatten und Vorstellungen keine überzeitliche Kohärenz projizieren; das Anerkennen der inneren Widersprüchlichkeit politischer Programmatiken und Ideengebäude sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Dennoch: Die sukzessive Entwicklung einer politischen Verfassungsordnung zu beobachten – als Bündel von Institutionen, Vorstellungen und Praktiken – kann möglicherweise ihr zugrunde liegende Prämissen und Implikationen erst sichtbar machen.  

Für die Frage nach dem Anti-Kolonialismus lässt sich dies exemplarisch zeigen. Die Rhetorik der Revolutions- und Gründungsphase befürwortete einerseits die territoriale Expansion der neuen USA. Nicht zuletzt Thomas Jefferson sprach gern affirmativ im Begriffsregister von empire. Andererseits wurden Herrschaftsverhältnisse konsequent als republikanisch-freiheitsbasiert – und deshalb: an Freiwilligkeit – konzipiert. An der Konzeption des Föderalen ist das gut ablesbar. Die Mitgliedschaft in den United States sollte, gleich einem covenant, freiwillig sein, neue Staaten on an equal footing hinzutreten dürfen. So klingt die Vision des expandierenden empire zunächst einmal nach einem sich erweiternden föderalen Bundesprojekt, im federal spirit vielleicht manchen Ideen der Europäischen Union vergleichbar.  

Bereits das frühe 19. und dann vor allem das 20. Jahrhundert aber haben die Kompatibilität hierarchischer kolonialer Ansprüche mit genau diesem föderalen Selbstverständnis immer wieder zutage gefördert. Abstrakt-normativ mögen föderale Freiwilligkeit und imperiale Beherrschung einander widersprechen; doch die politische Annexionspraxis der USA (in der Northwest Ordinance, nach Texas oder Hawaii), immer begleitet von Legitimation durch den Supreme Court in Berufung auf Gründungsdokumente, legt nahe, dass diese föderale Freiwilligkeit von vorneherein nicht als für alle Szenarien oder für alle Gruppen oder Staaten gedacht war. Die sogenannten „Insular Cases“, höchstrichterliche Entscheidungen aus dem Jahr 1901, haben dann sogar zur Herausbildung einer immer noch gültigen, an die Gründungsdokumente rückgebundenen Doktrin geführt, die imperiale Anmaßung mit der freiheitlich-volkssouveränen Selbstbeschreibung der USA in Einklang bringen will. Ging es bei den “Insular Cases” inhaltlich primär um die Reichweite von Einfuhrzöllen auf die nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg annektierten Inseln (u.a. Puerto Rico und Guam), so argumentierte der Supreme Court letztlich im Rückgriff auf die Gründungsphase, dass nur der US-Kongress über die Zugehörigkeit zum US-Föderalismus entscheiden dürfe, nicht aber die Inselbevölkerungen selbst. Die Ablehnung des Imperialismus während der Unabhängigkeitsphase führte offenkundig nicht zu einem politischen Projekt, das der Ausübung imperialer Macht fundamental ablehnend gegenüberstand; vielmehr fahren föderale und imperiale Expansion kontinuierlich kombiniert. 

Hat man diese Episoden der Integration des Kolonialen in die eigene, angeblich freiheitsorientierte Rhetorik einmal fokussiert, erlauben sie, im Sinne einer ideengeschichtlich-realistischen Rekonstruktion nach ihren etwaigen Anlagen in der Unabhängigkeits- und Gründungsphase zu suchen. Politische Debatten und Praktiken im Zeitverlauf können (mit der gebotenen Vorsicht) als Durchdeklinierung initialer Weichenstellungen gesehen werden. Ein Gewinn einer solchen Analyse kann aber auch darin liegen, die realpolitischen Vereinbarkeiten solcher Normengebilde zu beobachten – als vielleicht sogar wiederkehrende Wahlverwandtschaften –, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. 

Die wiederkehrende Wahlverwandtschaft zwischen Föderalismus und Imperialismus (auch beobachtbar etwa in den politischen Konzeptionen der Sowjetunion) kann dann auch in Ansätzen erklären, warum anti-imperiale Rhetorik oft in den Dienst imperialer Unterfangen gestellt wird. Der US-amerikanische Bund demonstriert, dass Föderalismus und Machthierarchie einander keineswegs ausschließen – weder in der politischen Praxis noch in ihrer konzeptionellen Anlage. Die mit dem Föderalismus assoziierte Norm der Freiwilligkeit wurde in politischen Doktrinen immer wieder relativiert und zur Disposition gestellt, zugunsten der Idee eines expandierenden, nachaußen imperialen Bundes. Die USA sind hierfür ein besonders wirkmächtiges und stilbildendes Beispiel. 

Erstveröffentlichung: Theorieblog, 02.07.2026, https://www.theorieblog.de/index.php/2026/07/foederimperialismus-ueber-die-anti-kolonialen-anfaenge-der-usa/.