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Politische Mythen als Zentralelement begründenden Erzählens

Herfried Münkler

09.06.2026

Titelblatt_Münkler

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Vorbemerkung

Das Thema der politischen Mythen hat mich vor allem in den 1990er und 2000er Jahren beschäftigt, also über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten. Damals ging es mir vor allem um Fragestellungen der politischen Kulturforschung, einen Teilbereich der Politikwissenschaft, der heute kaum noch eine Rolle spielt. Dabei war ich auf die historischen Mythen der Deutschen konzentriert. Am Ende dieses Forschungsinteresses stand dann mein Buch Die Deutschen und ihre Mythen, für das ich 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten habe.[1] Das war eine gute Gelegenheit, das Thema abzuschließen, es jedenfalls beiseite zu legen, um mich auf Fragen der globalen Ordnung zu konzentrieren, die mich seitdem vor allem beschäftigen.

Gestreift, aber nicht systematisch bearbeitet, habe ich damals die Frage, ob und in welchem Ausmaß die operative Politik auf eine Unterstützung durch Narrative beziehungsweise Mythen angewiesen ist und ob ihr immer wieder beobachtbares Scheitern auch mit der Wahl unzulänglicher oder falscher Narrative und ungeeigneter Mythen zu tun hat. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist dafür das Scheitern der „Ampel“-Koalition. Sie hatte auf das Narrativ des „Fortschritts“ gesetzt, eines, wie ich sagen würde, mythischen Fortschritts beziehungsweise des Fortschritts als politischer Mythos, nämlich als Entwicklungsrichtung der Geschichte, die man politisch unterstützen will und an die man sich anschmiegen kann, um Legitimation zu gewinnen. Demgemäß bezeichnete sich die Ampel als „Koalition des Fortschritts“. Man hatte dabei freilich übersehen, dass der Fortschritt inzwischen keinen Kollektivsingular mehr darstellte, zu dem er, wie Koselleck gezeigt hat, am Ausgang des 18. Jahrhunderts mit dem Siegeszug der Aufklärung geworden war,[2] sondern in einzelne Fortschritte zerfallen ist, die sich zum Teil wechselseitig ausschlossen. Die Idee des Fortschritts hatte damit ihre mythische Dimension als begründendes Element des Narrativs, verloren und war zu einem empirisch überprüfbarer Entwicklungsschritt im politischen Prozess geworden. Sie war eine Vorstellung von Fortschritten in Teilbereichen von Politik, Wirtschaft und Kultur, die freilich Kosten und Nachteile hatten. Sie hatte keine sinnstiftende, orientierende und integrierende Kraft mehr, und dementsprechend konnte das Fortschrittsnarrativ die Gegensätze innerhalb der Koalition nicht mehr überdecken. Es war eine Erzählung ohne begründende Kraft, ein verrostetes Stück aus dem semantischen Werkzeugkasten der Politik. Die Folgen sind bekannt: Ohne begründende Erzählung zerfiel die Ampel in die Elemente, aus denen sie zusammengesetzt worden war.

1. Begründendes Erzählen

Begründendes Erzählen ist streng genommen ein Oxymoron, also, wie man es übersetzen würde, ein scharfsinniger Unsinn, bei dem das beigefügte Adjektiv die Kernvorstellung des Substantivs relativiert: „Hölzernes Eisen“ ist ein beliebtes Beispiel dafür. Begründen ist nämlich eine Tätigkeit vor allem der Wissenschaft, der logischen Argumentation, die obendrein faktenbasiert ist. Erzählen hingegen bewegt sich im Raum der Imagination, also dessen, was einer als Geschehenes in Erinnerung behalten hat oder auch dessen, was man als fiktional, also bloß vorgestellt, bezeichnet. Erzählen folgt dem Modus der temporalen Sukzession, wenn auch gelegentlich von Rückblenden oder Vorausschauen unterbrochen; es ist dem Ordnungsmodell der zeitlichen Abfolge verpflichtet. Begründen hat, im präzisen Sinn, damit nichts oder allenfalls sehr wenig zu tun: Es werden Aspekte und Argumente zusammengebracht, die erklären, warum etwas so ist, wie es ist – beziehungsweise wie es sein soll. Wir haben es dementsprechend mit konstativen oder mit präskriptiven Sätzen zu tun, die sorgsam voneinander zu trennen sind. Zeitliche Abläufe können dabei eine Rolle spielen, wenn es etwa um spezifische Konstellationen geht, die gegeben sein oder erfüllt sein müssen, doch gehört dies eher dem Bereich des Kontingenten als des zwingend Notwendigen an.

Also: Was heißt „Begründen“ im Kontext von Erzählen? Es geht offensichtlich darum, mit narrativen Mitteln einen Grund zu legen, besser noch: Grundlegendes zu berichten, etwa einen unvordenklichen Anfang zu markieren, von einem Vorgang zu berichten, mit dem „alles begann“, wie man sagt. Davor war das Chaos, das Nichts, jedenfalls etwas „ganz Anderes“. Danach beginnt ein Neues, etwas, das nicht nur ist, sondern vor allem etwas bedeutet, mehr noch: das den Zuhörer in die Pflicht eines Vorhabens nimmt, dem er sich nur schwerlich entziehen kann, ohne Verrat zu begehen oder seine Identität zu verlieren. Im begründenden Erzählen, wie es vor allem in der Gestalt von Mythen erfolgt, fließen demgemäß Konstatives und Präskriptives zusammen. Es werden Vorschriften gemacht oder Erwartungen geäußert, indem etwas erzählt wird, dem im Modus des Erzählens eine herausgehobene Bedeutung zugeschrieben wird, eine also, die fordert und vorschreibt.

Die Markierung eines Anfangs ist mehr als der Bericht von einem historischen Ereignis oder die Herausstellung eines bestimmten Datums. Es geht im begründenden Erzählen nämlich weniger um das Ereignis als um dessen Sinnhaftigkeit, seine Bedeutungsschwere, die Teilung der Zeit in ein Davor und ein Danach: Die Gründung Roms, der Auszug der Juden aus Ägypten mitsamt der lange währenden Wanderung in der Wüste; die Schlacht im Teutoburger Wald und die Vernichtung von drei römischen Legionen, aber auch das Verschwinden von Kaiser Friedrich Barbarossa im Berg und das Versprechen seiner Wiederkehr als Erneuerung des Reichs. Was auch immer: politische Mythen sind ein Fort- und Wegerzählen von Kontingenz und Komplexität. Sie machen die Welt, zumal die politische Welt, überschaubar. Das ist eine für die operative Politik unverzichtbare Leistung. Sie erspart ein detailliertes Begründen der operativen Politik, weil die Erzählung, der Mythos, die Gesamtlast des Begründens übernommen hat.

Kontingenz steht für die Befürchtung, alles könnte auch ganz anders kommen; Komplexität wiederum steht für Konstellationen, in denen die Verbindung von Intention und Ergebnis, Absicht und Wirkung so diffus ist, dass es keine klare Sukzession zwischen ihnen gibt. Beides, Kontingenz und Komplexität, sind Tummelplätze für Sozialwissenschaftler, die zeigen, dass alles auch ganz anders hätte kommen können, wenn irgendjemand eine andere Entscheidung getroffen hätte oder ein Ereignis nicht eingetreten wäre. Begründendes Erzählen dagegen stellt es so dar, dass alles genau so kommen musste, wie es gekommen ist. Begründendes Erzählen beziehungsweise politische Mythen drängen die Einwände der Sozialwissenschaftler zurück: Zwangsläufigkeit, Sinnhaftigkeit und Orientierung in der Geschichte mit politischem Verpflichtungscharakter kommen in begründendem Erzählen zusammen. Und nicht nur das: Mythen sind auch so etwas wie eine Zukunftsgarantie: „Was einmal war, kann/wird wieder sein…“ – das ist der Leitgedanke eines Erzählens, das sich als grundlegend versteht.

2. Die Rolle der Dichter und der Intellektuellen

Große Mythen und begründende Erzählungen entstehen nicht von selbst, sondern werden von Dichtern und Erzählern geschaffen. Es ist die von Hans Blumenberg so bezeichnete Arbeit am Mythos, in der die Markierung von Davor und Danach herausgestellt und die Sinnhaftigkeit des Erzählens ausgearbeitet wird.[3] Oder mit Friedrich Hölderlin: „Was aber bleibet, das stiften die Dichter.“ Sie stiften es. Das heißt; es ist eine Weihe der Zeit und eine Sakralisierung des Raums, um die es im begründenden Erzählen geht. Dieses Umerzählen und Forterzählen durch Dichter erfolgt auf (mindestens) zwei Weisen:

1. Durch das Zusammenfügen von Lokalmythen beziehungsweise Lokalerzählungen, in denen die Menschen einer Region sich etwas für sie Eigenartiges oder Merkwürdiges aus ihrer näheren Umgebung erklären, indem sie sich darüber Geschichten erzählen. Das können Erzählungen über Landschaftsformationen oder über ein Herrschergeschlecht mitsamt dessen Aufstieg und Niedergang sein – man denke etwa an Kadmos in Theben, einen der großen Gründungsmythen im Denken der Griechen, der zugleich zur Begründung unvorstellbaren Unheils wurde: dem von Ödipus, von Eteokles und Polyneikes, von Antigone und Kreon. Es wird etwas begründet, aber das erfolgt eher beiläufig. Der Akzent liegt auf dem Erzählen. Einzelne Erzählungen werden mit anderen Erzählungen zusammengefügt, das Personal der Götter und Helden wird harmonisiert und dabei ein kohärentes narratives Geflecht geschaffen, in dem sich die einzelnen Erzählungen wechselseitig stützen. Man kann das als Generalisierung von Einzelerzählungen verstehen, mit der die lokale Beschränkung überwunden und eine den Kulturraum umfassende begründende Erzählung geschaffen wird. Homer und vor allem Hesiod sind hier als begründende Erzähler zu nennen. Oder Snorri Sturluson für die nordische Mythologie. Oder auch die diversen Autoren des Alten Testaments. Es handelt sich um eine Kompilation unterm Aspekt der Herstellung einer Leiterzählung und diverser Untererzählungen, mit der wir es zu tun haben. Daran haben sich dann spätere Dichter wie Intellektuelle abgearbeitet.

2. Im anderen Fall wird eine durchgängige Erzählung regelrecht erfunden, um Unzusammenhängendes zusammenzufügen und bestimmte historisch erinnerte Vorgänge, also Tatsächliches, zu erklären, wie es etwa beim Nibelungenlied und seiner Ätiologie des Untergangs der Burgunden der Fall ist. Es geht um ein historisches Ereignis, nämlich das Verschwinden des burgundischen Herrschaftsgebildes nach dem Tod seiner Königssippe. Hier schafft der Erzähler als Autor einen Erzählstrang, an dem Zerstreutes angelagert werden kann. Damit ist eine Abwendung von Theologie oder Mythologie verbunden, und an deren Stelle tritt ein starker Akzent auf der Erzählung als Ätiologie historisch erinnerter und politisch einschneidender Vorgänge. Der Aspekt des Begründens tritt damit hervor: nicht des Begründens im Sinne des Erzählens von einem Anfang, aus dem Späteres erwuchs und der das Spätere vorherbestimmte, sondern des Berichts von einer nahezu zwangsläufigen Abfolge von Ereignissen, bei der alles so kommen musste, wie es dann gekommen ist. Es geht, wenn man so will, um das Erklären eines Endes, das sonst als kontingent stehen bleiben würde.

Und dann gibt es noch die Intellektuellen in der Rolle von Entmythisierern, von Aufklärern über das, was eine Erinnerung an reale Ereignisse und was eine „bloße“ Erzählung ist. Auch die Intellektuellen arbeiten sich an den großen Erzählungen ab – und dabei schaffen sie womöglich neue begründende Erzählungen, die an die Stelle der alten treten. Karl Marx etwa hat sich selbst sicherlich als Mythenzerstörer begriffen, aber tatsächlich hat er neue Mythen geschaffen, etwa in der Polarität von Bourgeoisie und Proletariat. Ausdrücklich auf ihn beruft sich Georges Sorel im Mythos des Generalstreiks, den er in seinem Buch Über die Gewalt entwickelt hat.[4] Interessant an Sorel ist, dass einige ihn als Leninisten, andere ihn als Präfaschisten ansehen. Eine andere Rolle spielt Richard Wagner, der der aufklärerischen Entzauberung der Welt eine neue Erzählung – etwa mit dem Ring des Nibelungen – entgegengesetzt hat, wobei diese Begründung als ästhetisches Ereignis daherkommt, als religiöse Weihe. Oder Nietzsche, der in Also sprach Zarathustra den vier Evangelien vier oppositionelle Alternativerzählungen entgegengestellt hat. All das ist begründendes Erzählen. In soziologischer Perspektive heißt das: begründendes Erzählen ist eine politische Positionierung im Gegeneinander von Desakralisierung und Resakralisierung der sozialen und politischen Welt. Es kann für beide Seiten Partei ergreifen.

3. Drei Dimensionen politischer Mythen

Begründendes Erzählen greift in die geschichtliche Entwicklung eines Großverbandes ein, etwa in der Gegenüberstellung von Freiheit als Lebensweise der Griechen und Tyrannis beziehungsweise Unterwerfung als Lebensform der Perser bei Herodot, dem Historiker der so genannten Perserkriege und Stifter des Europamythos. Herodot hat Ereignisse berichtet und dargestellt, aber so, wie er es getan hat, hat er eine Vorstellung vom Verlauf der Geschichte und den in ihr wirkenden Gegensätzen geschaffen, die das Wahrnehmen und Erwarten der Menschen geprägt hat. Die Vorstellung von der „orientalischen Despotie“, die vermittelt über Karl August Wittfogels Werk Die orientalische Despotie bis heute eine Erklärung für bestimmte politische Entwicklungen anbietet, schließt daran an.[5] Es sind drei Formen, in denen begründendes Erzählen „unter die Leute gebracht“ wird:

1. Die narrative Variation: Das Erzählte und das zu Begründende sind locker zusammengefügt, was die Möglichkeit des Variierens eröffnet. Man kann die Perspektive wechseln und die Geschichte aus dem Blickwinkel eines Anderen, gegebenenfalls des Antipoden, erzählen, etwa aus der Sicht Hagens statt der Siegfrieds, der Kriemhilds oder der Brunhilds, der des Achill oder der des Odysseus beziehungsweise der Hektors oder der des Paris. Das hält das Erzählen und Begründen frisch und lebendig. Ein jüngeres Beispiel dafür ist Torgny Lindgrens Roman Bathseba, in dem der Ehebruch von König David mit der Frau des Uria aus deren Sicht als Anfang eines Wechsels der Machtverhältnisse erzählt wird.

2. Die ikonische Verdichtung: Im Bild, im Gemälde, in einer Zeichnung oder Karikatur wird Eindeutigkeit hergestellt: So also sieht Siegfried aus, so Hagen, so Kriemhild. Oder so Achill und so Odysseus. In der ikonischen Verdichtung erfolgt eine Feststellung von Charakter und Rolle. Diese Vereindeutigung steht im Spannungsverhältnis zur narrativen Variation; beide stehen aber auch in einem Ergänzungsverhältnis zueinander, und diese ambige Beziehung ist ein wesentliches Element begründenden Erzählens. Demgemäß ist das Festgestellte und Vereindeutigte nicht ein für allemal fixiert, sondern von Deutungskonstellationen und politischen Erwartungen abhängig. Solche Vereindeutigungen können im Wandel der Zeit an begründender Relevanz verlieren, wie man das etwa an den Bismarckdenkmalen beobachten kann, die in jeder größeren Stadt stehen: Man übersieht sie heutzutage im Vorbeigehen. Sie sind zu stehengebliebenem Zierrat verkommen, weil nicht mehr über sie gesprochen wird. Das Gegenspiel von Variation und Verdichtung findet nicht mehr statt.

3. Die rituelle Inszenierung: Zumeist handelt es sich hier um einen politischen Festakt, in dem ein durch Erzählung Vermitteltes und Begründetes feierlich in Szene gesetzt wird. In der rituellen Inszenierung wird die Bedeutung des zu Gedenkenden bestätigt, und sein Platz im politischen Festkalender wird erneuert. Ambiguitäten und Ambivalenzen werden durch diese Erneuerung getilgt – bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine politische Ordnung untergeht und die sie begründenden Erzählungen ihre Verbindlichkeiten verlieren: Das Ende der DDR war so ein Fall: Der Bauernkrieg als frühbürgerliche Revolution, sozusagen als ein Ereignis, dessen Versprechen durch die DDR eingelöst wurde, verlor seine staatsbegründende Bedeutung, und auch die Befreiungskriege von 1813 als Mythos, als politischer begründenden Erzählung der deutsch-russischen Waffenbrüderschaft, verloren ihren Ort im kollektiven Gedächtnis. Die Begründung steht dann im leeren Raum, weil es das durch sie Begründete nicht mehr gibt.

4. Inpflichtnahme und Identitätszuweisung

Politische Mythen beziehungsweise begründendes Erzählen sind aber nicht nur Markierungen in der Temporalstruktur sowie den imaginierten Raumkonstellationen einer politischen Gemeinschaft, sondern haben auch eine politisch autoritative Funktion: sie geben an, wer man ist und was es bedeutet, diesem – und keinem anderen – politischen Kollektiv anzugehören, etwa indem in die Erzählung über die nationale Herkunft oder die religiös-konfessionelle Identität eine Reihe von Erwartungen und Verpflichtungen eingemischt werden. Das ist dann die präskriptive Dimension von politischem Mythos und begründender Erzählung. Es geht nicht um eine gehobene und abwechslungsreiche Unterhaltung (auch wenn es einem so vorkommen mag), sondern um die Vereinnahmung der Betreffenden durch Zugehörigkeitsnarrative und die damit verbundene Identitätszuweisung. Dem kann und darf sich keiner entziehen, wenn er nicht zum Verräter oder Abtrünnigen werden will. Vor allem die Erzählungen vom Opfergang einiger „Helden“, durch den der identitätsverbürgende Großverband gerettet wurde, sind hier zu nennen: von den spartanischen Kriegereliten bei den Thermopylen bis zur letzten Schlacht der Ostgoten am Vesuv in Felix Dahns Roman Ein Kampf um Rom und in allem, was sich in der jeweiligen Geschichte daran anlagern lässt. Rollen und Aufgaben werden hier erzählerisch dargestellt, um sie mit einem Verpflichtungscharakter auszustatten.

Besonders ausgeprägt ist das dort, wo wir es mit Gegenmythen zu tun haben, also mit Erzählungen, in denen Identität im Kontrast zu Alterität entwickelt wird, wo es also kein Sowohl-Als auch gibt, sondern der Betreffende sich zwischen Entweder-Oder entscheiden muss und die Erzählung der unerbittliche Entscheidungsaufforderer ist. Das lässt sich im Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich beziehungsweise Preußen und Frankreich gut fassen, etwa in der Gegenüberstellung von Napoleon und Königin Luise mit der impliziten Aufforderung, dass jeder Mann, der etwas auf sich hält, ein Beschützer der preußischen Königin zu sein hat.

Aber das ist bei den fraglichen Mythen nicht immer und durchgängig so. Begründende Erzählungen sind an die Menschen bestimmter Räume und bestimmter Generationen adressiert. Dieses jeweilige Scharfstellen und Entschärfen von Mythen hat der Ägyptologe Jan Assmann in der Unterscheidung von „heißen“ und „kalten“ Gesellschaften zu fassen gesucht: In heißen Gesellschaften haben Mythen einen direkten und nötigenden Zugriff auf die Menschen; in kalten Gesellschaften ist das nicht der Fall. Da tritt der unterhaltende und zur Reflexion anregende Aspekt der Mythen ins Zentrum. In heißen Gesellschaften dagegen dominiert die appellative Dimension begründenden Erzählens.[6] Heiße Gesellschaften können sich abkühlen; kalte Gesellschaften können sich wieder aufheizen – und damit ändert sich auch der Charakter des begründenden Erzählens. Wir haben es beim begründenden Erzählen also mit einem Feld zu tun, auf dem ständige Veränderungen stattfinden. Wahrscheinlich sollten wir deshalb eher von einem Meer als einem Feld im Sinne des festen Grundes sprechen – was „begründendes Erzählen“ noch einmal als Oxymoron herausstellt.


Im Text erwähnte oder weiterführende Literatur

Altrichter, Helmut et al. (Hg.), Mythen in der Geschichte, Freiburg im Breisgau 2004.

Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992.

Blumenberg, Hans, Arbeit am Mythos, Frankfurt am Main 1978.

Bönnen, Gerold und Volker Gallé (Hg.), Ein Lied von gestern? Wormser Symposium zur Rezeption des Nibelungenliedes, Worms 1999.

Brandt, Reinhard und Steffen Schmitt (Hg.), Mythos und Mythologie, Berlin 2004.

Dörner, Andreas, Politischer Mythos und symbolische Politik. Der Hermannmythos: zur Entstehung des Nationalbewußtseins der Deutschen, Reinbek bei Hamburg 1996.

Koselleck, Reinhart, Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt am Main 2006.

Manow, Philip, Politische Ursprungsphantasien. Der Leviathan und sein Erbe, Konstanz 2011.

Münkler, Herfried, Das Blickfeld des Helden. Zur Darstellung des Römischen Reiches in der germanisch-deutschen Heldendichtung, Göppingen 1983.

Münkler, Herfried und Wolfgang Storch, Siegfrieden. Politik mit einem deutschen Mythos, Berlin 1988.

Münkler, Herfried, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009.

Parr, Rolf, „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!“ Strukturen und Funktionen der Mythisierung Bismarcks (1860-1918), München 1992.

Sorel, Georges, Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1981.

Speth, Rudolf und Edgar Wolfrum (Hg.), Politische Mythen und Geschichtspolitik, Berlin 1996.

Speth, Rudolf, Nation und Revolution. Deutsche Mythen im 19. Jahrhundert, Opladen 2000.

Wittfogel, Karl August, Die orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1977.


[1] Münkler, Herfried, Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009.

[2] Reinhart Koselleck, Begriffsgeschichten. Studien zur Semantik und Pragmatik der politischen und sozialen Sprache, Frankfurt am Main 2006, S. 159–181.

[3] Hans Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt am Main 1978.

[4] Sorel, Georges, Über die Gewalt, Frankfurt am Main 1981.

[5] Wittfogel, Karl August, Die orientalische Despotie. Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1977.

[6]Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, insbes. S. 66–86.

Zitieren: Herfried Münkler: Politische Mythen als Zentralelement begründenden Erzählens, Essay-Reihe der FOR 5323 „Aitiologien“, Nr. 2, Freie Universität Berlin, URL online: https://www.aitiologie.de/publikationen-Neu/essay-reihe-gruende-erzaehlen/gruende-erzaehlen_Nr_-2/index.html