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Einführung: Gründe erzählen. Aitiologische Narrationen von Ursprung, Gründung und Gegenwart

Andrew James Johnston

03.06.2026

Titelblatt_Nr.1

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Erzählungen über Ursprünge – sei es von Konflikten und Kriegen, von Institutionen und Nationen, von Riten, Konventionen und Sitten oder von Naturphänomenen – sind im gesellschaftlichen Diskurs omnipräsent. Immer und immer wieder wird nach Anfängen, Ursprüngen und Gründen gefragt, aus denen sich gegenwärtige Problemstellungen ergeben und deren Erkennen Lösungen oder Bewältigungsstrategien zu versprechen scheint. Zugleich tragen Gründungserzählungen immer auch zur Formierung und Stabilisierung von gesellschaftlichen Gruppen oder Bewegungen bei, etwa, indem sie eine weit zurückliegende Vergangenheit heraufbeschwören (die es möglicherweise so nie gegeben hat). Solche Aitiologien, also begründende Erzählungen, die einen Sachverhalt in seiner spezifischen Ausprägung durch einen Rückgriff auf Vergangenes erklären, standen im Zentrum der Ringvorlesung, aus der diese Sammlung von Aufsätzen hervorgegangen ist.

Die Vorlesungsreihe „Gründe Erzählen“ wollte Gründungserzählungen von der Antike bis zur Gegenwart aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven betrachten. Dabei wurden verschiedene Formen der Aitiologie, vom Mythos über die Theologie bis hin zu Kulturerzählungen und aktuellen politischen Funktionalisierungen der Vergangenheit untersucht. Von Interesse waren hierbei nicht nur Gründungserzählungen, denen es zuvörderst um eine stabilisierende Wirkung geht, sondern auch solche, die ihre Konstruiertheit, ihren fiktionalen Charakter oder auch eine Pluralität von Anfängen ausstellen und somit eine herausfordernde, bisweilen verstörende Vermengung von Faktualität und Fiktionalität, von Geschichte und Mythos oder von verschiedenen Zeitlichkeiten in den Vordergrund stellen und somit das Erzählen von Ursprüngen selbst hinterfragen. Im Zentrum der Betrachtungen standen daher insbesondere die rhetorischen Muster und ästhetischen Mittel, die in aitiologischen Erzählungen verwendet werden, um ein vermeintliches Wissen über Anfänge und Ursprünge zu plausibilisieren oder instrumentalisieren.

Es ist kein Zufall, dass Aitiologien, dass Formen begründenden Erzählens eine Tendenz entwickeln, ihren eigenen Status zu problematisieren, steckt doch im Konzept des ,begründenden Erzählens‘ bereits eine faszinierende Spannung nicht nur hinsichtlich der Frage, was denn eigentlich mit dem ,Begründen‘ gemeint sei, sondern auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen den Begriffen ,Begründen‘ und ,Erzählen‘. Denn das Wort ,Begründen‘ oszilliert in seiner Semantik zwischen mindestens zwei Polen. Da ist einerseits eine Bedeutungsebene, die eine kausale Dimension umfasst: Wer eine Sache begründet, der erklärt, warum es sich mit ihr so und nicht anders verhält; er oder sie erläutert eine spezifische Kausalrelation. Zugleich aber steckt im ,Begründen‘ potenziell auch ein konstituierendes Element, etwa im Sinne einer historisch relevanten Etablierung oder Institutionalisierung, mit der ein Brauch, eine Einrichtung oder gar ein Herrschaftsverhältnis gestiftet wird. Sowohl das kausale Begründen als auch das konstituierende können dabei als Legitimierungsstrategie fungieren – und sie schließen sich durchaus nicht aus. Wie Susanne Gödde erläutert, oszillieren aitiologische Erzählungen tendenziell immer zwischen einem narrativen Erklären und der Behauptung von rationaler Evidenz und eignen sich gerade deswegen zur politischen Instrumentalisierung.[1] Dennoch bestehen zwischen dem Begründen und dem Erzählen große Unterschiede: Mit dem kausalen Begründen wird das vermeintliche So-Sein eines Sachverhalts einer als rational begriffenen Logik unterworfen, während mit der konstituierenden Variante des Begründens Fragen der Anciennität oder auch Aspekte der Autorität ins Spiel kommen können – Dimensionen jedenfalls, denen tendenziell etwas Kontingentes anhaftet. Was ein Gott, ein Heros, ein siegreicher Feldherr, ein Heiliger, ein vermeintlicher Entdecker oder ein Missionar be-/gegründet haben, das bezieht seine Rechtfertigung nicht aus einer zwingenden – oder für zwingend gehaltenen – Notwendigkeit, sondern aus einem historischen Akt, dessen begründende Kraft letztlich durchaus zirkulär sein kann. Weil der sagenhafte Held Romulus die Stadt auf den Sieben Hügeln be-/gründete und ihr seinen Namen gab, eignet ihr jener besondere Status; einer, auf dem sich später ein ganzes Imperium aufbauen lassen wird.

Auch mit der Frage der Legitimation, die einen rechtlichen Anspruch – und damit auch einen ethischen – erhebt, ist es dabei so eine Sache: Eine historische Legitimation muss noch lange keine moralische bedeuten, geht doch im Falle Roms der Gründungsakt mit dem Brudermord einher. Solche frevelhaften oder zumindest gewaltsamen Aspekte des Gründungsaktes unterstreichen den potenziell willkürlichen Charakter einer Handlung, die eine Wirklichkeit setzt, wo vorher keine war. Je radikaler der Akt ist, mit dem der Anfang als solcher markiert wird, desto schärfer hebt sich das Neue vom Bisherigen ab, desto dramatischer fällt die Gründung aus, desto bedeutender wird die geschichtliche Wirkmächtigkeit inszeniert, die sich vom Gründungsakt ableitet bzw. aus späterer Perspektive auf ihn zurückprojiziert wird. Dort aber, wo die Willkür der Gründung sich ihrer selbst im Blutvergießen, gar im Verbrechen vergewissert, ist kein Raum mehr für kausale Erklärungsmuster, von moralischen Rechtfertigungen ganz zu schweigen.[2] 

Nicht minder problematisch gestaltet sich, wie eben bereits angedeutet, beim näheren Hinsehen auch das Verhältnis von Begründen und Erzählen. Zwar nimmt sich in den Fällen, in denen das Begründen als Willkürakt daherkommt, die Spannung zwischen dem Begründen und dem Erzählen vergleichsweise gering aus. Ja, wenn es darum geht, einen mythischen Frevel zum Ursprung einer Institution, eines Rituals oder eines Brauchs zu erheben, kommt das Erzählen garantiert zu seinem Recht, kann ein Narrativ doch gerade dasjenige umso plausibler inszenieren, was sich einer formalen wie ethischen Logik naturgemäß entziehen muss und stattdessen kraft seiner Außerordentlichkeit wirksam wird. Anders aber verhält es sich, wenn das Erzählen dazu dienen soll, einen wissenschaftlichen Sachverhalt zu ,begründen‘ und folglich mit einem besonderen Anspruch an Rationalität verknüpft ist. Dann stellt sich die Frage, wie sich das Erzählen, also ein schöpferischer, rhetorisch-ästhetischer Akt, zum logischen Argument verhält, mit dem das Begründen vorgibt, an einem rationalen Diskurs zu partizipieren. Unterstreicht die narrative Formung das kausale Argument, lenkt sie davon ab oder täuscht sie dieses gar nur vor? Oder noch einmal anders: Was, wenn die Narrativierung einen ganz anderen Diskurs bedient, als denjenigen, um den sich die vorgebliche Argumentstruktur im engeren Sinne zu drehen scheint? Wenn beispielsweise der Ursprung des aufrechten Ganges des Menschen erklärt wird, geht es dann wirklich nur um ein anatomisch-verhaltensbiologisches Faktum oder vielleicht auch um die grundsätzliche Frage des Humanums selbst, um die Frage, was der Mensch sei?[3] 

Diese wenigen, fast wahllos herausgegriffen Beispiele zeigen uns, welche Komplexität das Problem des ,begründenden Erzählens‘ birgt. In den folgenden Beiträgen begegnen wir einer exemplarischen Reihe ganz unterschiedlicher Formen, in denen sich das Aitiologische je anders offenbart. Viele von ihnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie das begründende Erzählen nicht nur vorführen bzw. zur Anwendung bringen, sondern dass sie dabei zugleich seine Ambivalenzen und Paradoxien, aber auch seine Möglichkeiten ausloten.


[1] Susanne Gödde, „Imaginäre Anfänge. Begründen und Erklären in aitiologischen Mythen“, in: Sabine Föllinger(Hg.): Begründen und Erklären im antiken Denken. Akten des 7. Kongresses der Gesellschaft für antike Philosophie (2022), Berlin/Boston 2025, S. 15–36.

[2] Zum aitiologischen Problem uneindeutiger Kausalitäten in ethisch problematischen Narrativen äußern sich Ramunė Markevičiūtė und Susanne Gödde in „Daphne: aitiologische Konstellationen zwischen Gewalt und Naturmythologie“, https://www.aitiologie.de/aktuelles/vorgestellt_Essays/aitiologien/index.html.

[3] Siehe hierzu insbesondere Georg Toepfer, „Was sind Aitiologien?“, letzter Absatz, https://www.aitiologie.de/aktuelles/vorgestellt_Essays/aitiologien/index.html

Zitieren: Andrew James Johnston: Einführung: Gründe erzählen. Aitiologische Narrationen von Ursprung, Gründung und Gegenwart, Essay-Reihe der FOR 5323 „Aitiologien“, Nr. 1, Freie Universität Berlin, URL online: https://www.aitiologie.de/publikationen-Neu/essay-reihe-gruende-erzaehlen/gruende-erzaehnen-Nr_1/index.html